Forum zum Thema Essstörungen Ansbach, 02.11.2018

Ansbach, 02.11.2018 – „Mit 31 Jahren, nach 13 Jahren Magersucht und Bulimie, kann ich sagen, ich bin mit der Krankheit durch. Was war, ist jetzt gegessen.“ Das ist die Quintessenz der Autobiographie von Sonja Vukovic, die mit ihrer eigenen Geschichte schonungslos die Schrecken einer Essstörung offenbart.

Am Mittwoch, den 14. November 2018, ist die Autorin, Journalistin und Rednerin mit der Lesung aus ihrer Biographie zu Gast beim Forum Essstörungen in den Kammerspielen Ansbach und gibt einen Einblick in ihre Krankheitsgeschichte, ihre Erfahrungen, und den Weg aus der Sucht. „Rückblickend hätte es mir wahnsinnig geholfen, zu sehen, dass man es schaffen kann. Dass ein Leben möglich ist, in dem nicht die Gedanken andauernd um den Körper und das Essen kreisen, in dem man sich selbst nicht so sehr hasst, dass man immer weniger werden will. Darum erzähle ich meine Kranken- und meine Heilungsgeschichte, um anderen Mut zu machen“, sagt die Autorin, die in Berlin lebt. Seit ihrem 13. Lebensjahr litt Sonja Vukovic unter Essstörungen, erst Bulimie, dann Anorexie, später einer Mischform aus beidem.

„Ich habe als junges Mädchen geglaubt, dass ich nur geliebt werde, wenn man mich schön findet. Ich wurde gemobbt, war eine Außenseiterin, und weil ich es mir nicht anders erklären konnte, dachte ich, es liege an meinem damaligen Übergewicht“, so Vukovic. „Heute weiß ich, dass es eigentlich meine Unsicherheit war. Mein Vater ist Alkoholiker, meine Mutter lebte lange in leidvoller Co-Abhängigkeit. Ich hatte lange ein instabiles Elternhaus und konnte nie das ausbauen, was man Urvertrauen nennt – ein Vertrauen in mich und die Welt. Das habe ich mit der Magersucht versucht zu kompensieren. Etwas zu kontrollieren, während ich innerlich immer wieder die Kontrolle über Gedanken und Gefühle verlor, das ließ mich lange stark fühlen, obwohl ich es nicht war.“

Erst nach drei Jahren, als ihr während eines Schüleraustauschs in den USA bei einer Brechattacke die Toilette verstopft und so buchstäblich ihr Problem aus dem Geheimen an die Oberfläche kommt, wird die Erkrankung von Vukovics Umfeld und Familie erkannt. Es folgen eine ambulante Therapie, fast drei Monate stationäre Behandlung, in der Sonja Vukovic zum Teil zwangsernährt wurde, zwei Jahre in einer Wohngemeinschaft für essgestörte Mädchen.

„Raus aus der Sucht, das muss man selbst wollen, man muss selbst kämpfen, das kann einem niemand abnehmen, das ist richtig. Das Problem ist: Gerade in den schweren Anfängen, in denen man sich seiner Krankheit stellt, kann man es nicht immer wollen. Um gesund werden zu wollen, braucht man ein Gefühl des Selbstwertes. Der Selbstliebe. Des Selbstvertrauens. Und genau daran mangelt es ja. Darum tut man sich so etwas ja überhaupt an. Alleine schafft man das nicht aus dieser Zwickmühle. Man braucht Begleiter, die da sind, wenn man es gerade alleine nicht kann, die aber auch eigene Grenzen ziehen, wenn ihnen alles zu viel wird. Das ist komplex, aber es ist sehr wichtig“, erläutert die heute 33-Jährige.

„Lesungen und Diskussionsrunden wie die Veranstaltungsreihe ‚Forum Essstörungen‘ sind deshalb sehr wichtig, um Betroffenen und auch Angehörigen Gehör zu schenken und zu zeigen: es geht“, führt die Autorin weiter aus. Gleichzeitig betont sie: „Ich kann kein Pauschalrezept dafür liefern, wie man wieder gesund wird. Meine Geschichte ist eine von vielen, die keinen Anspruch auf Gemeingültigkeit erhebt. Aber sie trägt hoffentlich dazu bei, das Tabu mit dem Essstörungen nach wie vor belastet sind, aufzubrechen.“

Veranstaltet wird das Forum Essstörungen vom Bezirksklinikum Ansbach und dem Gesundheitsamt des Landkreises Ansbach. Die Lesung findet am Mittwoch, den 14. November, um 19.00 Uhr in den Kammerspielen Ansbach statt. Anschließend stehen neben der Autorin Sonja Vukovic auch Dr. Hans-Jürgen Schulz, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Ansbach und Isolde Imschloss von der Kontaktgruppe „Strohhalm“ des Gesundheitsamts für Fragen zur Verfügung. Der Eintritt ist frei, Sitzplatzreservierungen sind nicht möglich.

Die Zahl der Betroffenen steigt

Laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik wurden im Jahr 2014 in den bayerischen Krankenhäusern 3.177 vollstationäre Behandlungen von Patienten mit psychisch bedingten Essstörungen durchgeführt, rund 2,3 Prozent mehr als 2013 und 44 Prozent mehr als im Jahr 2000. Betroffen waren dabei nahezu ausschließlich Mädchen und junge Frauen (93,8 Prozent).

Je früher Betroffene und Angehörige Hilfe suchen, desto besser stehen die Chancen für eine Bewältigung der Erkrankung. Die Kontaktgruppe „Strohhalm“ sowie die Institutsambulanz des Bezirksklinikums Ansbach stehen als erste Ansprechpartner zur Verfügung.

So lädt die Kontaktgruppe „Strohhalm“ regelmäßig zu Gruppenabenden ein, an denen sich Betroffene im geschützten Rahmen untereinander austauschen können. Eine speziell für Angehörige eingerichtete Gruppe, bietet auch Familienangehörigen von Betroffenen Unterstützung an.

Auf der psychosomatischen Station des Bezirksklinikums Ansbach bekommen Patientinnen eine mehrwöchige stationäre Therapie, die im Anschluss daran in der Tagesklinik fortgesetzt werden kann, um die Betroffenen weiter zu stabilisieren.

Über die Autorin Sonja Vukovic

Sonja Vukovic hat als Journalistin mit Schwerpunkt Biografie, Gesellschaftskritik und Sozialpolitik bereits für "Die Welt", "stern.de" und "Spiegel" geschrieben. Sie wurde mit dem "Grimme Online Award" und dem "Axel-Springer-Preis" ausgezeichnet. 2013 erschien ihr internationaler Bestseller "Christiane F. - Mein zweites Leben", anschließend „Gegessen“ und „Außer Kontrolle – unsere Kinder, ihre Süchte und was wir dagegen tun können“ bei Bastei Lübbe. Nach dem Aufbau der "F. Foundation für Suchtprävention und -aufklärung“ schreibt sie nun an weiteren Büchern und unterrichtet an Grundschulen Medien- und Computerkompetenz. Heute lebt Sonja Vukovic in Berlin und ist Mutter einer 3-jährigen Tochter.