Erlangen – Der Übergang vom Maßregelvollzug in die Freiheit markiert einen entscheidenden Behandlungsschritt. Wenn Patienten die Klinik verlassen, stehen sie vor der Aufgabe, ihren Platz im Alltag und in der Gesellschaft zu finden. Genau hier setzt die Forensische Ambulanz im Klinikum am Europakanal an: Seit 25 Jahren ist sie ein zentrales Bindeglied zwischen Klinik, Justiz und sozialem Umfeld. Diese verantwortungsvolle Arbeit würdigte kürzlich ein Festakt.
Forensische Nachsorge: Unterstützung nach dem Klinikaufenthalt
Die Forensische Ambulanz betreut Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung oder einer schweren Suchterkrankung straffällig geworden sind. Statt Haft ordnet das Gericht ihre Unterbringung in einer Klinik für Forensische Psychiatrie an, um die zugrunde liegende Erkrankung zu behandeln.
Nach Abschluss der stationären Behandlung beginnt für die Patienten die Bewährungsprobe im Alltag. Damit die in der Klinik erzielten Fortschritte auch in Freiheit und Eigenverantwortung Bestand haben, benötigen sie eine verlässliche ambulante Unterstützung. Genau zu diesem Zweck gründete man im Jahr 2000 die Forensische Ambulanz in Erlangen.
Vom Modellversuch zum bayerischen Standard
Was heute Standard ist, war vor 25 Jahren Pionierarbeit. Zunächst übernahm das stationäre Team der Erlanger Forensik die Nachsorge zusätzlich zum Klinikalltag. „Ein fertiges Konzept gab es damals nicht“, erinnert sich Dr. Gernot Hahn, Leiter der Forensischen Ambulanz. „Aber eine klare Einsicht: Nach einem Aufenthalt im Maßregelvollzug brauchen Patienten Orientierung, verlässliche Strukturen und Begleitung, damit sich die erzielten Fortschritte im Alltag bewähren können.“
Aus dieser Initiative entstanden ab 2002 zwei bayernweite Modellphasen, die Erlangen maßgeblich mitprägte. Die guten Erfahrungen damit überzeugten: Zum 1. Januar 2009 führte der Freistaat Bayern Forensische Ambulanzen flächendeckend als festen Bestandteil der Versorgung ein.
Auch früher überließ man Patienten nach ihrer Entlassung nicht sich selbst – die Nachsorge lief über niedergelassene Praxen und sozialpsychiatrische Dienste. Neu an der Forensischen Ambulanz war, dass sie als spezialisierte Einrichtung Behandlung, Risikoabschätzung und die Zusammenarbeit mit der Justiz systematisch bündelte.
Bilanz nach 25 Jahren
Wie wichtig diese „Brücke in den Alltag“ ist, belegen die Zahlen. „In den vergangenen 25 Jahren haben wir in Erlangen und in der angegliederten City-Ambulanz Nürnberg über 1.200 Patienten unterstützt“, sagt Dr. David Janele, Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie. „In rund 95 Prozent der Fälle gelang die dauerhafte soziale Wiedereingliederung. Das ist für die Betroffenen ein großer Schritt in Richtung eines geordneten Alltags – und zugleich ein wichtiger Beitrag zur Sicherheit in der Gesellschaft.“
Dieser Erfolg basiert auf einem Ansatz, der weit über die reine Medizin hinausreicht. Die Arbeit der Forensischen Ambulanz umfasst neben der Therapie auch praktische sozialpädagogische Unterstützung: etwa bei der Wohnungssuche, bei Arbeit und Ausbildung oder im Umgang mit Finanzen. Ziel ist es, gemeinsam mit den Patienten ein tragfähiges Netz zu knüpfen, das auch in schwierigen Phasen hält und eine eigenverantwortliche Lebensführung ermöglicht.
Fachtagung mit Expertinnen und Experten
Zum Jubiläum „25 Jahre Forensische Ambulanz Erlangen“ kamen rund 85 Fachleute aus Süddeutschland zusammen und diskutierten über die Entwicklung der forensisch-ambulanten Versorgung, die Wirksamkeit des Maßregelvollzugs sowie zukünftige Perspektiven. Zu den Gästen zählten unter anderem Dr. Dorothea Gaudernack, Leitung des Referats II 5 – Maßregelvollzug, Öffentlich-rechtliche Unterbringung, Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, Peter Daniel Forster, Bezirkstagspräsident des Bezirks Mittelfranken und Verwaltungsratsvorsitzender der Bezirkskliniken Mittelfranken, sowie Stinne Fronius, Vorständin der Bezirkskliniken Mittelfranken.
