Ansbach / Erlangen - Um Ausbildungsprozesse praxisnah zu gestalten und Lernende optimal zu unterstützen, bedarf es kontinuierlich neuer, evidenzbasierter Ansätze. Der Praxisanleiterbonus setzt hierfür Anreize, innovative Konzepte zu entwickeln und umzusetzen – unabhängig vom jeweiligen finanziellen Aufwand.
Das Bayerische Landesamt für Pflege hat nun insgesamt sechs herausragende Konzepte von Mitarbeitenden der Bezirkskliniken Mittelfranken ausgezeichnet und mit einer Einmalzahlung in Höhe von jeweils 10.000 Euro prämiert.
Peter Daniel Forster, Bezirkstagspräsident des Bezirks Mittelfranken und Verwaltungsratsvorsitzender der Bezirkskliniken Mittelfranken, betont: „Die ausgezeichneten Konzepte zeigen eindrucksvoll, wie innovatives Lernen heute funktioniert und welchen Mehrwert sie für die Generalistische Pflegeausbildung bieten. Vielen Dank an alle Kolleginnen und Kollegen für Ihr Engagement. Von Ihrem Einsatz und Ihrem Wissen profitieren nicht nur die Auszubildenden, sondern langfristig auch die Patientinnen und Patienten.“
Sabine Schuhmann-Haudeck, Leitung Personalentwicklung und P3 Akademie, fügt hinzu: „Es erfüllt mich mit Stolz, zu sehen, wie unsere Mitarbeitenden mit Leidenschaft und Offenheit neue Wege gehen. Meinen herzlichsten Dank an alle, die als Vorbild vorangehen und mit ihrer Bereitschaft, ständig zu lernen und sich weiterzuentwickeln, nicht nur unser Team stärken – sondern auch die Menschen, die wir betreuen. Durch diese Bereitschaft schaffen wir gemeinsam Lösungen für eine zukunftsfähige Pflegekultur.“
Kurzvorstellung der Konzepte und Preisträgerinnen und -träger:
Konzept „Psychiatriebezogenes Lernen (PbL)“
eingereicht von: Sandra Reinhardt, hauptberufliche Praxisanleiterin an der Berufsfachschule für Pflege in Ansbach, seit 1997 bei den Bezirkskliniken Mittelfranken beschäftigt
Das Psychiatriebezogene Lernen (PbL) setzt bereits seit 2022 Maßstäbe in der psychiatrischen Lehre. Die Praxisanleitung erfolgt in kleinen Gruppen mit bis zu drei Auszubildenden. Fallbesprechungen erfolgen mit realen Patientensituationen, ergänzt durch allgemeine psychiatrische Fachinformationen. Der Lernprozess folgt einer klaren Prozessstruktur: Vorbereitung, Arbeitsaufträge, Recherche, Diskussion, Erfahrungsaustausch, Auswertungsphase und Ergebnissicherung. Acht festgelegte Arbeitsaufträge behandeln die Themen Diagnosen Schizophrenie, Depression und Persönlichkeitsstörung, Verhalten in Problemsituationen, Therapiemöglichkeiten, Psychopharmaka, rechtliche Grundlagen, sowie Pflegeplanung. Am Ende jedes Tages erfolgt ein Kreuzworträtsel zu den behandelten Inhalten sowie eine Reflexion. Ziel ist es, Vorbehalte und Stigmatisierungserfahrungen abzubauen und den Auszubildenden den Fachbereich Psychiatrie durch Wissens- und Verständnisvermittlung näherzubringen, Sicherheit zu gewinnen und die Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und Auszubildenden zu verbessern.
Konzept „Einführungstag Kinder- und Jugendpsychiatrie“
eingereicht von: Elena Baumann, seit 2022 hauptberufliche Praxisanleiterin an der Berufsfachschule für Pflege am Bezirksklinikum Ansbach, mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendpsychiatrie
Seit 2023 ist der Einführungstag fester Bestandteil der Praxisanleitung und bildet den Ausgangspunkt für die Pflegeausbildung des pädiatrischen Pflichteinsatz in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ziel des Konzeptes ist es, die Auszubildenden schrittweise an die komplexen Anforderungen ihres Berufsfeldes heranzuführen, ihnen Sicherheit im Umgang mit Patientinnen und Patienten zu geben und sie für die besonderen Herausforderungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu sensibilisieren. In Gruppenanleitungen, die sich sowohl an interne als auch externe Auszubildende richten, werden Lerninhalte zu Krankheitsbildern, Psychopharmakologie, freiheitsentziehenden Maßnahmen, selbstverletzendes Verhalten und Assessmentinstrumente durch abwechslungsreiche und praxisorientierte Lernmethoden und -formate vermittelt. Der Fokus liegt dabei auf spielerischer und interaktiver Wissensvermittlung, beispielsweise durch den Perspektivwechsel in Rollenspielen. Dadurch werden Eigeninitiative, Problemlösekompetenz und Teamfähigkeit der Auszubildenden nachhaltig gefördert.
Konzept „Schizophrenie mit Herz, Hand und Kopf anhand von Märchen verstehen“
eingereicht von: Thomas Aßländer, Berufspädagoge für Gesundheits- und Sozialberufe (B. A.) und Fachpraktischer Leiter für Weiterbildung Pflege in der Psychiatrie, in der Berufsfachschule für Pflege am Klinikum am Europakanal Erlangen; seit 2000 bei den Bezirkskliniken Mittelfranken beschäftigt
Das Konzept zur Vermittlung der Diagnose Schizophrenie wurde 2014 entwickelt und nutzt Märchen, Gruppendiskussionen, Symbolik und Transfer in die Pflegepraxis, um Theorie und Praxis eng zu verknüpfen und narrative Lernmethoden zu stärken. Zu Beginn erarbeitet der Praxisanleiter gemeinsam in kleinen Gruppen, was der Begriff „Schizophrenie“ als „gespaltene Seele“ bedeutet und wie die Gesellschaft Normalität konstituiert. Ein Wahrnehmungstest illustriert anschließend, dass eine reale Wahrnehmung als „normal“ gilt, während erfundene, bizarre Wahrnehmungen als Psychose eingeordnet werden. Dieser Wechsel zwischen normaler und psychotischer Wahrnehmung veranschaulicht das Krankheitsbild und fördert das Verständnis.
Unterstützt wird der Lernprozess beispielsweise durch das Märchen „Alice im Wunderland“ als Metapher für eine durch Drogen ausgelöste Psychose - mit typischen Symptomen, wie verzerrter Wahrnehmung, Halluzinationen und bizarren Erlebnissen. Im Anschluss werden die Hauptsymptome von Schizophrenie, wie Halluzinationen, Ich-Störungen und Wahnvorstellungen durch Sinnesexperimente, historische und aktuelle Beispiele sowie weitere Märchenbeispiele vermittelt. Zum Abschluss begleiten die Auszubildenden einen Patienten mit Schizophrenie im Praxisalltag, beobachten Symptome und reflektieren diese in einem Nachgespräch unter Verwendung von Fachsprache. Auf dieser Grundlage erstellen sie eine Pflegeplanung nach NANDA.
Konzept: „Schüler leiten eine Station“
eingereicht als Gruppe von: Sandra Reinhardt, Reinhard Knuff, Elena Baumann, Kerstin Görl, Katharina Linz
Das Projekt „Schüler leiten eine Station“ wurde bereits 2018 ins Leben gerufen und hat zum Ziel, den Berufsalltag in hoher Eigenverantwortung durchzuführen. Hierbei organisieren die Auszubildenden des dritten Lehrjahres die gesamte Station – von der Früh- bis zur Nachtschicht. Begleitet und unterstützt werden die Auszubildenden durch das erfahrene Stationsteam. Dabei wird das Lernen in ein neues Zentrum gerückt. Neben der Umsetzung des theoretischen Schulunterrichts haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, soziale Kompetenzen auszubauen und anwendungsorientiert zu lernen. Die Schule und die Praxis fördern innerhalb des Projektes die Lernortkooperation. Theoretisches Wissen wird mit den unmittelbaren Erfahrungen der Berufspraxis und den damit verbundenen Transferleistungen verknüpft. In einer umfassenden Projektvorbereitung im Rahmen des Unterrichts, in enger Begleitung durch die Pädagoginnen Jana Zorn und Anja Mehling, erarbeiten die Auszubildenden alle nötigen Informationen und Unterlagen innerhalb acht verschiedener Spezialisten-Gruppen, unter anderem der Leitungsgruppe oder den Expertinnen und Experten für medikamentöse Therapie.
Konzept: „Emotionale Stabilisierung und Pflege nach Autoaggression – Arbeiten im multiprofessionellem Team“
eingereicht von: Anne Albrecht, Altenpflegerin und Anleiterin in der Pflege am Soziotherapeutischen Wohnheim in Ansbach
Weitere Mitwirkende: Katja Stehr, Tanja Brenner, Hannes Neumann, Susanne Albrecht
Das Konzept wurde entwickelt, um Auszubildenden im Rahmen einer geplanten Praxisanleitung strukturiert und praxisnah an pflegerische, medizinische und psychosoziale Aufgaben heranzuführen. Im Zentrum steht die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Praxisanleitenden aus dem Bereich Pflege und Mentorinnen und Mentoren aus der Heilerziehungspflege. Beide Professionen bringen ihre jeweiligen fachlichen Schwerpunkte ein und schaffen damit für die Pflegeschülerinnen und Pflegeschüler eine Lernsituation, die sowohl die körperlich-medizinische Versorgung als auch die psychosoziale Begleitung von Bewohnerinnen und Bewohnern im Soziotherapeutischen Wohnheim berücksichtigt. Ziel ist es, dass die Auszubildenden ein ganzheitliches Verständnis von Betreuung und Pflege entwickeln, multiprofessionelle Kommunikation erleben und lernen, ihre eigene Rolle im Team sicher einzunehmen.
Konzept: „Demenztag“
eingereicht von: N.N.
Das Konzept „Demenztag“ findet im Orientierungseinsatz, dem ersten Praxiseinsatz der Ausbildung, statt und dient der Sensibilisierung für den professionellen Umgang mit an Demenz erkrankten Patientinnen und Patienten. In einer angeleiteten Gruppenarbeit werden anhand von Fallbeispielen Probleme und Ressourcen erarbeitet. Thematisiert werden dabei insbesondere die Aufnahmesituation, aggressives Verhalten sowie Kommunikationsansätze wie das Validationskonzept nach Naomi Feil und die Basale Stimulation. Die Auszubildenden recherchieren in Fachliteratur und diskutieren ihre Erkenntnisse gemeinsam. Ziel ist es, ein besseres Verständnis für krankheitsbedingte Reaktionen zu entwickeln und empathisch, individuell sowie professionell mit den Patientinnen und Patienten in Kontakt treten zu können.
Über den Praxisanleiterbonus:
Der Praxisanleiterbonus wird vom Bayerischen Landesamt für Pflege im Rahmen der Fraktionsinitiativen zur Förderung innovativer Praxisanleitungskonzepte vergeben und zielt darauf ab, die Praxisanleitung in der praktischen Ausbildung weiter zu stärken. Gefördert werden didaktische Konzepte für Praxisanleitungssequenzen in allen Versorgungssettings der ambulanten Akut- und Langzeitpflege, Pädiatrie, stationären Akutpflege, stationären Langzeitpflege und Psychiatrie. Die Konzepte sollen als Best-Practice-Beispiele dienen und die flächendeckende Sicherstellung qualitativ hochwertiger Praxisanleitung in Bayern voranbringen.
Ziel der Initiative:
Mit dem Praxisanleiterbonus wird die Entwicklung innovativer, didaktisch hochwertiger Praxisanleitungsformate gefördert, um Auszubildenden einen effektiven Theorie-Praxis-Transfer zu ermöglichen, Vorbehalte abzubauen und die Kommunikation im psychiatrischen Kontext zu stärken. Die Konzepte sollen die Generalistische Pflegeausbildung stärken und als Vorbild für weitere Einrichtungen in Bayern dienen.
Zukunftsausblick:
Die ausgezeichneten Konzepte sollen als Grundlage für eine breitere Implementierung dienen und die Ausbildungsqualität landesweit verbessern. Die Bezirkskliniken Mittelfranken verpflichten sich, die Umsetzungsergebnisse transparent zu dokumentieren und regelmäßig zu evaluieren.
