Ansbach, 28.07.2025 – Bei der Zeugnisübergabe in der Forensischen Psychiatrie in Ansbach strahlten die Gesichter aller Anwesenden: Insgesamt 25 Patienten haben erfolgreich ihren Schulabschluss erreicht. Ein bedeutender Meilenstein auf dem Weg zu einem selbst bestimmten Leben nach der Therapie.
Persönliche Erfolgsgeschichten
Ein junger Mann, Mitte 20, freut sich besonders. Nachdem er im letzten Jahr den qualifizierten Hauptschulabschluss geschafft hat, konnte er nun den Mittleren Bildungsabschluss erwerben. Sein Ziel: Im kommenden Jahr die Vorbereitung für die Fachoberschule absolvieren, anschließend das Fachabitur erreichen und ein IT-Studium beginnen.
Ein Patient, Anfang 40, berichtet, dass er nach nur 4 Schuljahren in Polen arbeiten musste, anstatt weiter zu lernen. Nach Jahren der Obdachlosigkeit hat er im Rahmen seines Aufenthaltes in der Klinik seinen qualifizierten Hauptschulabschluss erreicht. Sein nächstes Ziel: der Mittlere Bildungsabschluss im nächsten Jahr.
Ein junger Mann, Mitte 30, der ebenfalls den qualifizierten Hauptschulabschluss erreicht hat, erzählt von seinem Weg: Zunächst musste er die deutsche Sprache lernen, spricht mittlerweile auf B1 Niveau, und hat mit viel Fleiß den Schulabschluss geschafft. Nächster Meilenstein – einen Ausbildungsplatz finden.
Alle Patienten loben die Unterstützung durch die engagierten Lehrkräfte, die individuell auf ihre Bedürfnissee eingehen und sogar auf die Stationen kommen, um Nachhilfe zu geben.
Gute Leistungen bei allen Schulabschlüssen
Insgesamt haben 25 Patienten ihren Abschluss erhalten: 18 Patienten erreichten den Mittelschulabschluss, davon 17 den qualifizierten Mittelschulabschluss (Notendurchschnitt 1,87), und 7 Patienten den Mittleren Bildungsabschluss (Notendurchschnitt 1,89). Mit diesen Zeugnissen steigen die Chancen der Patienten auf ein gutes Leben nach der Therapie.
„Der Schulabschluss ist ein Meilenstein für eine erfolgreiche Resozialisierung“, sagt Dr. Martina Weig, Chefärztin der Forensischen Psychiatrie am Bezirksklinikum Ansbach und Leiterin des Maßregelvollzuges. „Er bildet die Grundlage dafür, dass die Patienten eine weiterführende Schule besuchen oder eine Ausbildung beginnen können. Durch Ihre Teilnahme am Unterricht haben die Patienten die Entscheidung getroffen, sich weiterzubilden und ihr Zukunft aktiv zu gestalten. Sie stehen pünktlich auf, erledigen selbstständig ihre Hausaufgaben, zeigen Durchhaltevermögen und stellen sich den Prüfungen. Diese Eigenschaften kommen ihnen nicht nur in der Schule sondern auch im weiteren Leben zugute.“
Ungewöhnlicher Bildungsweg
Die 25 Patienten sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie wurden im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung straffällig, auf Weisung des Gerichts werden sie in einer Klinik für Forensische Psychiatrie behandelt. Viele von ihnen haben die Schule abgebrochen oder nie eine Schule besucht. Ein Teil von ihnen hat einen Migrationshintergrund und musste erst die Sprache lernen. Dieser heterogene Bildungshintergrund machte den Unterricht nicht immer einfach. Dennoch erzielten die Patienten zum Teil bessere Noten als ihre Kolleginnen und Kollegen aus den öffentlichen Schulen. Was ist das Erfolgsgeheimnis?
„Unsere Schüler bei uns sind älter“, sagt Gerhard Sonnenleiter, Lehrer am Bezirksklinikum Ansbach. „Sie können besser einschätzen, wie wichtig ein Schulabschluss ist, zumal viele von ihnen bereits die Erfahrung gemacht haben, dass man ohne Bildung im Leben nicht weit kommt. Außerdem gibt es bei uns keine Schulpflicht. Die Patienten entscheiden sich freiwillig dafür, die Schulbank zu drücken. Das stärkt ihr Gefühl der Autonomie und führt zu einem höheren Engagement und besseren Leistungen.“
Neben dem klassischen Schulwissen wie Deutsch, Wirtschaft oder Mathematik erwerben die Schüler auch viele alltagsrelevante Kenntnisse. So stehen Themen wie Bewerbungsschreiben, Wohnungssuche oder Versicherungen ebenfalls auf dem Programm.
Kooperation mit der Mittelschule Dietenhofen und der Luitpoldschule Ansbach
Für den (qualifizierten) Hauptschulabschluss kooperiert die Klinik für Forensische Psychiatrie mit der Mittelschule Dietenhofen, für den Mittleren Bildungsabschluss mit der Luitpoldschule Ansbach. Die 25 Schüler erhielten die gleichen Prüfungen wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Klassenzimmer, nur dass sie diese innerhalb der Klinik ablegen mussten. „Ich danke der Mittelschule Dietenhofen und der Luitpoldschule Ansbach für die gute Zusammenarbeit“, sagt Dr. Martina Weig „und den 25 Patienten gratuliere ich herzlich zu diesem guten Ergebnis. Mit dem Abschluss haben sie den Grundstein für eine berufliche Karriere nach der Therapie gelegt.“
